Stärker werden mit Kung-Fu

Kampfkunst und Sozialtraining? Passt das zusammen? Bedri Sahin, ehemaliger Kung-Fu Weltmeister und Mitarbeiter von Stiftung HELP, ist schon lange davon überzeugt und hat deshalb mit Alexej Allendorf ein pädagogisches Konzept ausgearbeitet, das Kampfkunst und Sozialtraining vereint.
Meister Bedri, der seit seinem 7. Lebensjahr verschiedene Kampfstile studiert, meint die Kunst der Kampfkunst besteht in erster Linie darin, einen Kampf zu verhindern, bevor er überhaupt beginnt. Zudem stärke Kung-Fu das Selbstbewusstsein und lehrt Respekt.

Unglaubliche Ruhe

Die Gruppe sammelt sich im Kreis zum Aufwärmen. Dehnen und die Koordination aktivieren. Yi! Er! San! Si! Wu! Liu! Qi! Ba! Jiu! Shi! Die Kinder rufen die Zahlen bis 10 auf Mandarin perfekt im Takt.
„Auf welchen Sprachen können wir noch zählen?“ fragt Bedri Sahin nach ein paar Durchgängen. Ein paar Kinder zeigen den anderen, wie man auf kurdisch, türkisch, polnisch oder arabisch bis zehn zählt. Alle sind mit absoluter Konzentration bei der Sache. Vor einem Jahr sei das unmöglich gewesen, sagt die Klassenlehrerin, die das Training von der Bank aus verfolgt. Sahin strahle eine unglaubliche Ruhe aus – und das übertrage sich auf die Klasse.

Stärker werden

In einem Spiel sollen die Kinder nun in Teams Bälle auf die andere Spielfeldseite befördern. Das Team, das am Ende die wenigsten Bälle auf seiner Seite hat, gewinnt.
Nach einigen Runden ist das Spiel zu Ende und es kommt zu kleineren Streitereien, Diskussionen, Unruhe. Als ein Junge immer weiterredet, verdonnert ihn der Kung-Fu Meister dazu, 18 Liegestütze zu machen. „War das jetzt eine Strafe?“ fragt Bedri Sahin in die Runde „Warum soll das eine Strafe gewesen sein? Er hat die Liegestütze gemacht und ist stärker geworden. Er ist jetzt stärker als die, die keine Liegestütze gemacht haben.“ Wortlos werfen sich Jungen und Mädchen auf den Boden und machen so viele Liegestütze, wie sie können.  
Bedri erklärt „Mir war es nie wichtig zu gewinnen. Egal ob wir gewinnen oder verlieren, werden wir doch immer nur besser und stärker in Spielen, Sport, Fußball – und auch in Kung-Fu.“

Es folgen Übungen an der Bank: Im Zickzack darüber springen, auf allen Vieren krabbeln, sich nur mit Armen der Länge nach entlang ziehen und einige Variationen dieser Übungen.

Tanzen oder Kämpfen?

Jetzt endlich, erst ein wenig Qi-Gong, dann fließender Übergang zu ein paar neuen Kung-Fu Griffen. Beides hat mehr Ähnlichkeit mit Tanzen als mit Kämpfen. Es geht hier darum, ein Körperbewusstsein zu entwickeln, um dann die Körperanatomie so zu nutzen, dass man sich ohne viel Kraft gegen wesentlich Stärkere verteidigen kann:  
Wie wehre ich einen Schlag oder Schubser ab? Was, wenn mich jemand festhalten will? In Zweierteams üben die Kinder gemeinsam. Meister Bedri geht zu jedem einzelnen Team, gibt Tipps, erklärt Einzelheiten.

Danach verabschieden sich alle voneinander höflich, wie es im Kung-Fu üblich ist. Am Ende sind alle wieder etwas stärker geworden.